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„Wir brauchen langfristig gedachte, regionalspezifische Strategien“

Buzzword Resilienz: Wie lässt sich diese für gesamte Tourismus-Regionen aufbauen und was sagt der Blick in die Glaskugel durch die Augen der Next Gen?

Henrike Zimmer

Henrike Zimmer (29) hat als Wissenschaftliche Mitarbeiterin der DHBW Ravensburg zum Thema „Resilienz im Tourismus für einen nachhaltigen Umgang mit Klima- und Katastrophenrisiken“ geforscht. (Foto: privat)

Den Klimawandel und Infektionskrankheiten benennt der Weltrisikobericht 2021 als die derzeit größten globalen Herausforderungen. Doch wie können sich Tourismusdestinationen auf diese Entwicklungen vorbereiten? „Jede Krise stellt eine Chance für Innovation und neue Wege dar“, ist sich Henrike Zimmer sicher. Die 29-Jährige hat als Wissenschaftliche Mitarbeiterin der DHBW Ravensburg im Zuge des Brückenprogramms Touristik zum Thema „Resilienz im Tourismus für einen nachhaltigen Umgang mit Klima- und Katastrophenrisiken“ geforscht.

elevatr: Henrike Zimmer, die zentrale Frage in Ihrer Arbeit ist: Wie können sich Regionen resilient aufstellen – das haben sie am Beispiel der Nationalparkregion Schwarzwald analysiert. Welche Faktoren sind auf alle Destinationen in Deutschland anwendbar?

Allgemein existieren in der Wissenschaft Resilienzfaktoren, die darüber entscheiden, wie ein System oder ein Individuum eine oder mehrere Krisen beziehungsweise Störereignisse übersteht. Zu diesen Faktoren zählen unter anderem Robustheit, Flexibilität und Lernfähigkeit. Resiliente Destinationen sollten folglich diese Eigenschaften aufweisen.

Wie wird sich der Tourismus in Mittelgebirgen künftig gestalten und was werden die größten Herausforderungen sein?

Im Vergleich zu anderen inländischen, beispielsweise städtischen Reisezielen, waren Mittelgebirgsregionen während der vergangenen Pandemiejahre sehr beliebte Reiseziele  – wie es künftig weitergeht, ist unter anderem davon abhängig, wie es den einzelnen Destinationen gelingt, die Sehnsüchte der Gäste zu wecken – beispielsweise nach authentischen Naturerlebnissen, nach Freiheit, nach Nachhaltigkeit und Regionalität. Eine der größten Herausforderungen liegt aber sicherlich in der Rückgewinnung von Fachkräften, die während der Pandemie in andere Branchen abgewandert sind.

  • Nationalparkregion Schwarzwald
    „Wie es künftig weitergeht, ist unter anderem davon abhängig, wie es den einzelnen Destinationen gelingt, die Sehnsüchte der Gäste zu wecken – beispielsweise nach authentischen Naturerlebnissen, nach Freiheit, nach Nachhaltigkeit und Regionalität", sagt Henrike Zimmer. (Foto: Black Forest Collective)
  • Nationalparkregion Schwarzwald
    (Foto: Black Forest Collective)
  • Nationalparkregion Schwarzwald
    (Foto: Baiersbronn Touristik/Max Günter)
  • Nationalparkregion Schwarzwald
    (Foto: Black Forest Collective)
  • Nationalparkregion Schwarzwald
    (Foto: David Lohmüller)

Wie kann die Hotellerie in Zukunft interessierte Menschen Ihrer Generation für sich gewinnen?

Ich denke, dass meine Generation nicht mehr arbeiten geht rein mit dem Gedanken, möglichst viel Geld zu verdienen und Karriere zu machen. Sondern dass für uns junge Menschen Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung und Flexibilität im Job eine große Rolle spielen. Folglich sollten Arbeitgeber:innen ihren Mitarbeitenden Verantwortung übertragen und ihnen die Möglichkeit bieten, eigene Ideen im Unternehmen einzubringen. Als Voraussetzung hierfür braucht es flache Hierarchien, eine transparente Kommunikation innerhalb des Unternehmens und eine offene und wertschätzende Unternehmenskultur.

Wie können Betriebe Ihrer Ansicht nach eine wertschätzende Unternehmenskultur kreieren?

Ich denke, dass es wichtig ist, innerhalb des Betriebes das soziale Miteinander zu fördern, beispielsweise durch regelmäßige, fach- und firmenübergreifende Teamevents, die sich für Mitarbeitende nicht wie Pflichtveranstaltungen anfühlen, sondern Spaß machen und in uns jungen Menschen Identifikation mit dem Betrieb hervorrufen. Auch Fort- und Weiterbildungsangebote – sowohl intern als auch extern – sind wichtig, um ein attraktiver Arbeitgeber zu sein. Die Mitarbeitenden bekommen auf diesem Weg zu spüren, dass in sie investiert wird und dass sie sich weiterentwickeln können. Das hat wiederum einen positiven Einfluss auf die Einstellung gegenüber dem Arbeitgeber. Und zuletzt denke ich, dass je nach Stelle und Kompetenz individuelle Arbeitszeitmodelle angeboten werden sollten, um mit anderen Arbeitgebern mithalten zu können und die Flexibilität je nach privater Situation gewährleisten zu können.

Sie haben Ihren Master in „Geographie des Globalen Wandels“ absolviert. Wie wird sich der Klimawandel aus Ihrer Sicht auf den Tourismus in Deutschland auswirken und was müssen die Destinationen diesbezüglich schon heute unternehmen?

Der Klimawandel wird sich regional sehr unterschiedlich auf den Tourismus auswirken: Deutsche Wintersportdestinationen sind beispielsweise mit abnehmender Schneesicherheit konfrontiert, während Strand- und Küstendestinationen wie die Nord- oder Ostsee mit hohen Wasserständen und einer steigenden Zahl von Sturmfluten zu kämpfen haben werden. Andere Destinationen profitieren von einer Zunahme von Sommertagen und einer verlängerten Sommer- oder Badesaison.

Die Destinationen müssen sich mit Klimaprognosen und ihren Folgen detailliert auseinandersetzen und langfristig gedachte, regionalspezifische Strategien entwerfen, um sich an die klimatischen Veränderungen anzupassen und durch den Klimawandel entstehende Chancen aktiv zu nutzen. Erste Destinationen, beispielsweise in Niedersachsen, tun dies bereits. Neben den Anpassungsstrategien sind natürlich auch Vermeidungsstrategien nötig, um Emissionen und Ressourcen einzusparen und den Klimawandel und dessen Auswirkungen einzudämmen. Der Tourismus kann einen großen Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels leisten – unter anderem, indem er sich nachhaltig aufstellt.

Interview: Verena Usleber

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In Kooperation mit der Nationalparkregion Schwarzwald hat das Team der DHBW Ravensburg praxisnah aufgezeigt, wie sich Destinationen des Themas Resilienz annehmen können. Das auf ein Jahr angesetzte Projekt wurde im Rahmen des Brückenprogramms Touristik vom Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg gefördert und unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Conny Mayer-Bonde umgesetzt.