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Welcome to the jungle: Was macht Sinn beim Klimaschutz?

Deep Dive: Wie können Gastgeber klimaneutral agieren? Welche Zertifikate gibt es und nach welchen Kriterien sollten sie am besten ausgewählt werden? Eine Checkliste von Franziska Altenrath und Maite Kühn von Tutaka.

Welcome to the jungle: Die Expertinnen Franziska und Maite von Tutaka zeigen in diesem Deep Dive Wege auf, wie sich Gastgeber im Dschungel der Klimaschutzprojekte zurechtfinden können. (Foto: Rolando de Oliveira/Unsplash)

Noch weist die Klimabilanz der meisten Hotelübernachtungen eher in Richtung Erderwärmung, als in Richtung 1,5-Grad-Ziel. Höchste Zeit also, sich als Gastgeber mit dem Thema Klimaschutz auseinanderzusetzen.

Doch macht ein Invest in Klimaschutzprojekte überhaupt Sinn?

Eine Möglichkeit, die Auswirkungen auf das Klima zu „neutralisieren“, stellt die CO2-Kompensation in Form von Investitionen in Klimaschutzprojekte dar. Zwar sollten solche Kompensationen immer erst eingesetzt werden, nachdem man sich Gedanken über Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasemissionen gemacht hat. Dennoch haben sie einen großen Benefit: Kompensationen bepreisen Emissionen und treiben dadurch den Klimaschutz voran. Hintergrund ist auch: Für eine weitreichende Dekarbonisierung (sprich die Reduzierung von Kohlendioxidemissionen durch den Einsatz kohlenstoffarmer Energiequellen) ist die Branche noch auf Fortschritte in anderen Sektoren wie dem der Mobilität, Energie und Landwirtschaft angewiesen. Bis dahin stellen Klimaschutzprojekte sicherlich ein sinnvolles Übergangs-Tool dar.

Wie solche Klimaschutzprojekte aussehen, welche Anbieter auf dem Markt existieren und wie Gastgeber das passende Projekt auswählen, wird im Folgenden näher beleuchtet.

 

Let’s start with the basics

Der zunehmende Ausstoß von Treibhausgasen durch den Menschen verstärkt den natürlichen Treibhauseffekt, wodurch die durchschnittliche Temperatur auf der Erde steigt. Kohlendioxid, dessen chemische Formel CO2 ist, macht den Großteil des vom Menschen verursachten Treibhauseffektes aus und trägt somit maßgeblich zum Klimawandel bei. Klimaneutralität bedeutet, ein Gleichgewicht zwischen der Abgabe und Aufnahme von Kohlenstoff zu erreichen.

Special fact: Treibhausgase haben eine sogenannte globale Schädigungswirkung. Daher ist es für den Klimaschutz irrelevant, wo die Emissionen entstehen – oder aber wo sie vermieden werden. Kurzum: Emissionen an einem Ort können durch Klimaschutzmaßnahmen an einem anderen Ort kompensiert werden.

Wo stehen wir heute und wo wollen wir hin?

Der Weg zur Klimaneutralität beginnt mit einer Analyse des Status quo. Eine Klimabilanz berechnet den sogenannten CO2-Fußabdruck. Dieser führt CO2 und andere Emissionen auf, die unter anderem durch den Einsatz von Energie, durch Mobilität und Verbrauchsgüter anfallen. Um diesen berechnen zu können, müssen sämtliche Daten des Betriebes systematisch gesammelt und erfasst werden, wobei ein CO2-Rechner aus dem Internet helfen kann.

Die eigene CO2-Bilanz erstellen – so geht‘s

Tipp: Kostenfreie Online-Tools für die Hotellerie sind beispielsweise der „Carbon Footprint Calculator“ von Hotel Energy Solutions oder die „Hotel Carbon Measurement Initiative (HCMI)“ der Sustainable Hospitality Alliance.

Achtung: Vor Erstellung der Klimabilanz muss der sogenannte Geltungsbereich oder Scope festgelegt werden.

Was wird mit einberechnet?

Sollen An- und Abfahrten von Gästen mit einberechnet werden? Welche eingekauften Produkte sollen in die Bilanz fließen? Anschließend sind die entsprechenden Verbrauchsdaten zu erfassen. Dabei gilt: je präziser, desto besser. In vielen Bereichen lässt sich allerdings auch gut mit Schätzungen arbeiten. Wer will, kann sich dabei von Beratern unterstützen lassen.

Wo kann geschraubt werden?

Nun sollten Gastgeber prüfen, an welchen Stellen sie Emissionen verhindern und verringern könnten. Achtung: Um sich als klimaneutral bezeichnen zu dürfen, reicht das noch nicht aus! Die verbleibenden, unvermeidbaren Emissionen gilt es durch den Kauf von Emissionszertifikaten zu kompensieren beziehungsweise zu neutralisieren.

Kompensations-Zertifikate: What’s the price?

Anbieter von Emissionszertifikaten können entweder durch eigene Klimaschutzprojekte Zertifikate selbst erwirken oder sie kaufen Zertifikate von projektentwickelnden Institutionen am vorhandenen Markt. Dabei können die Preise der Zertifikate stark voneinander abweichen. Preisrelevante Faktoren sind beispielsweise die Qualität und Größe eines Klimaschutzprojektes.

Besonders aber der Standort beeinflusst den Preis. Emissionszertifikate aus Klimaschutzprojekten in Schwellen- oder Entwicklungsländern sind in der Regel günstiger, weil Arbeits- und Materialkosten dort geringer sind als in industrialisierten Ländern. So werden pro investiertem Euro mehr CO2-Emissionen kompensiert. Trotzdem steigt die Nachfrage nach regionalen Kompensationsprojekten, nicht zuletzt aufgrund des stärkeren emotionalen Bezugs.

Anbieter von Zertifikaten: Welcome to the jungle!

Anbieter für Zertifikate gibt es wegen der steigenden Nachfrage immer mehr. Dabei ist Klimaneutralität kein geschützter Begriff. Umso wichtiger ist es, die Spreu vom Weizen zu trennen und zu erkennen, wann es sich um einen seriösen Anbieter handelt und wann nicht.

Die Klimaschutzprojekte, durch die Treibhausgasemissionen neutralisiert werden können, reichen von der Förderung oder dem Schutz natürlicher Kohlenstoffsenken wie Wäldern oder Ozeanen, bis hin zu anderen, eher Technologie-basierten Projekten. Ein Beispiel für letzteres ist die Investition in ein Projekt zur Verbreitung einer effizienteren Ofentechnologie in einem Entwicklungsland. Dadurch kann Holz eingespart werden, was Ausgaben verringert, sowie Abholzung und Bodenerosionen verhindert. Außerdem wird Ruß beim Kochen reduziert, was die Gesundheit schont und weniger CO2 verursacht.

Abfall, Biogas oder Solarenergie?

Der Anbieter Climate Partner unterteilt seine Kompensationsprojekte beispielsweise in folgende Kategorien, die sich größtenteils auch bei den anderen Anbietern so oder so ähnlich finden lassen: Abfallmanagement und Kompost, Biogas, Biomasse, saubere Kochöfen, Energieeffizienz, Solarenergie, Wasser(-reinigung, -sparen, -kraft), Wind sowie Landnutzung und Wald. Investitionen in Waldprojekte sind nicht ganz unumstritten, da ein Baum die CO2-Reduktion nicht unmittelbar erwirkt. Er muss zunächst gepflanzt, richtig gepflegt und geschützt werden und sich im Ökosystem wohlfühlen.

Regionale Projekte, die enormes Potenzial aufweisen, sind Klimaschutzprojekte zur Renaturierung und Wiedervernässung von Mooren. Trockengelegte Moore sind besonders schädlich für das Klima, weil durch die Austrocknung das im Torf gebundene CO2 in die Atmosphäre gelangt. Warum aber europäische Klimaschutzprojekte besondere Herausforderungen mit sich bringen, wird im nächsten Abschnitt erläutert.

Welches ist das richtige Projekt für mich?

Zunächst einmal kommt es auf die Seriosität des Kompensationsdienstleisters an. Ein wichtiger Indikator dafür ist dieTransparenz und Qualität der dargestellten Informationen. Informationen über das Klimaschutzprojekt, die auf keinen Fall fehlen dürfen, sind:

  • Eine übersichtliche Projektbeschreibung
  • Wie viel Tonnen CO2 jährlich durch das Projekt reduziert werden
  • Wer die projektentwickelnde Institution vor Ort ist oder ob es sogar ein eigenes Projekt des Anbieters ist
  • Welchen Standard das Projekt besitzt (etwa Gold Standard VER)

Neben der allgemeinen Transparenz ist vor allem der Standard des Projektes das wichtigste Zeichen für ein gutes Klimaschutzprojekt.

Gängige Standards

  • Verra VCS
  • CDM
  • Plan Vivo
  • Gold Standard VER

All diese Standards sind unabhängig und erfüllen wichtige Kriterien:

  • Dazu zählt die Zusätzlichkeit, sodass das Projekt nur durch die Finanzierung der CO2-Zertifikate umgesetzt werden kann
  • Ein anderes Kriterium ist die Dauerhaftigkeit, die eine Mindestdauer gewährleistet (bei Wäldern liegt diese bei mindestens 30 Jahren)
  • Der Ausschluss einer Doppelzählung ist zudem ein besonders wichtiges Kriterium. Dadurch wird sichergestellt, dass die CO2-Einsparung nur einmal gewertet wird und die Zertifikate danach stillgelegt werden, was mit Hilfe eines externen Registers geschieht
  • Das letzte Kriterium ist die externe Überprüfung, was bedeutet, dass die Zertifikate durch eine dritte Instanz, wie etwa den TÜV oder PWC, nochmals zertifiziert werden

Tipp: Insbesondere die Kriterien Zusätzlichkeit und Doppelzählung sind bei europäischen Kompensationsprojekten gründlich zu prüfen. Die vielfältigen Fördermöglichkeiten, die in der EU bestehen, sowie die weitreichende Berechnung von Reduktionen, können dazu führen, dass Kompensationsprojekte nicht anerkannt werden.

Und was nun?

Regionale Klimaschutzprojekte unterstützen oder nicht? Wie auch bei anderen Investitionen lohnt sich eine diversifizierte Strategie für maximalen Impact. Es lohnen Investitionen in zertifizierte Klimaschutzprojekte außerhalb der EU und in seriöse Klimaschutzprojekte in der EU, die aber vielleicht schon eine Teilförderung erhalten haben.

Quellen: europarl.europa.eu, umweltbundesamt.de, Oblasser & Riediger (2015), Zimen (2008)

In a nutshell: Die Top-Takeaways im Überblick

Die Welt der Klimaschutzprojekte ist komplex und kann leicht überfordern. Vorsicht ist geboten bei Anbietern, die sogenannte „Quick fixes“ für das Klima versprechen. Gute Klimaschutzprojekte zeichnen sich durch vielfältige, positive Auswirkungen aus, die sich nicht nur in “Tonnen CO2” ausdrücken lassen. Insbesondere Anbieter wie Myclimate, Climatepartner und Viabono, die eine partielle Spezialisierung auf das Gastgewerbe haben, sollten in Erwägung gezogen werden.

Ein Zeichen für ein seriöses Klimaschutzprojekt sind Standards wie Verra VCS, CDM, Plan Vivo und der Gold Standard VER. Sie garantieren, dass sämtliche Kriterien für ein gutes Klimaschutzprojekt erfüllt sind. Auch sogenannte Kopplungsprojekte können in Erwägung gezogen werden: Der CO2-Ausstoß wird durch ein Klimaschutzprojekt außerhalb der EU neutralisiert und gleichzeitig wird Klimaschutz auch hier vor Ort vorangetrieben.

Wenn man als Gastgeber die Entscheidung für Kompensationsprojekte nicht ganz alleine treffen möchte, können auch die Gäste mit eingebunden werden. Dafür sollten Gastgeber eine kleine Zahl von seriösen Klimaschutzprojekten auswählen, und ihre Gäste beispielsweise anhand einer Umfrage auf Social Media abstimmen lassen. So können die Besucher aktiv im Klimaschutz miteingebunden werden und Gastgeber kommunizieren gleichzeitig ihr Engagement. Welches Projekt man unterstützen möchte, um klimaneutral zu werden, ist vor allem aber eine ganz individuelle Entscheidung.